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05.07.2008 00:55
testen sie ihren marktwertJohn M. Oldham/Lois B. Morris, Ihr Persönlichkeits-Portrait, Kabel Verlag 1992: Wer dieses Buch liest und überlebt, ist Positivist und für jeden gegebenen Scheiß einsetzbar. Erzählt werden dreizehn Persönlichkeitsstile nach DSM-III-R, alles hoch wissenschaftlich und doch nach dem Dreck des Schubladendenkens klassifiziert. Wer noch nicht krank ist, greift zur AK-47. - Immerhin, lesbare Wissenschaft.
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03.07.2008 20:58
Burg Waldeck, schräg Singen im CampIn der KONKRET vom Mai schrieb Felix Klopotek eine Rezension der Ausgabe von zehn CDs der Festivaldokumentation BURG WALDECK 1964-1969. Ein historisch-kritischer Versuch, das Liedergut einer demokratischen Bundesrepublik am Beispiel zu fokussieren, kommt in seiner Besprechung unter die Räder einer kritisch-theoretischen Kritik. Eine ungebrochene Begeisterung für die alljährliche Musik aus der Hunsrück-Ruine kommt jedenfalls nicht auf. Zu Phil Ochs, Süverkrüp, Degenhardt, Mossmann, Hannes Wader, Reinhard Mey sowie Insterburg & Co. fallen dem heutigen Hörer keineswegs Fortschritt, Innovation und Kampfklampfe ein, sondern der Seutzer: Wie gut, daß es Punk gegeben hat! Wenn man das heute hört, erscheint alles hoffnungslos veraltet. Klopotek sagt: Es gibt eben keine unverkitschte Volksmusik. Magnus Klaue hat gut zwei Monate später im Freitag schärfer polemisiert, und mir hat es sehr großen Spaß gemacht. Mehr Kritik, mehr Spaß: Magnus Klaue | Freitag.de 26, 27.6.2008 Das Jünger´sche LiederlebnisPLUMPSKLOPOESIE Der deutschen Kulturpflege, wie sie sich in Goethe-Instituten, nationaler Filmförderung und der Forderung nach einer deutschen Pop-Quote im Rundfunk niederschlägt, ist gelungen, wovon Briten, Amerikaner und Franzosen sich vermutlich nicht einmal einen Begriff machen können: die negative Aufhebung des Gegensatzes von Hoch- und Populärkultur in einem Einheitsbrei, der von der Hochkultur das volkspädagogische Pathos und von der Massenkultur den Stolz auf die eigene Banalität übernommen hat. Während die oft als nationalistisch denunzierte Kulturförderung in Frankreich an einem republikanischen Begriff der Nation festhält, der es erlaubt, auch gelungene Unterhaltungskultur als Teil eines "nationalen Erbes" zu würdigen, das Jean-Luc Godard und Louis de Funès, Serge Gainsbourg und Jean-Paul Sartre gleichermaßen umfasst, wird hierzulande gute Unterhaltung ebenso gehasst wie hohe Kunst. Kontemplation und Lust sind dem Deutschen gleichermaßen Arbeit; wer genießen kann, ohne hinterher erschöpft zu sein, steht im Verdacht des Schmarotzertums.
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02.07.2008 22:08
Klage, Furt, Inge, Mann, BachIngo Arend, Freitag 27 Zuhören im Internet: Der ORF will aus dem Klagenfurter Literatur-Wettbewerb eine Talkshow machen ... Schwer zu sagen, ob Tilman Rammstedts Siegergeschichte Der Kaiser von China wirklich ein guter Text war oder nicht. Zumindest hörte sich der Vortrag des gut gelaunten Autors recht lustig an. JE NUN, ingo arend hat natürlich komplett recht, und am samstag hatte ich das ganze im fernseh gesehen, und mein alter münsteraner kollege von der gegenseite des germanistischen seminars saß der jury vor. ich dozierte dann meinem sohn, der burkhard (spinnen) mache literatur ohne jedes literarische kunstmotiv. hä? fragte mein sohn. na, sagte ich, er baut sozusagen ein auto ohne motor, dann ein auto ohne räder, dann eins ohne lenkung, aber alle seien sehr schön anzusehen. aha, sagte mein sohn, so ein quatsch. und mein sohn ist immerhin zwölfjähriger gymnasiast mit topzeugnis. - mir fiel dann noch ein: ein teich ohne wasser, aber das führte hier zu weit.
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02.07.2008 00:53
magnus klaue und die liedermacherin den letzten sechs monaten habe ich auf meiner home die-lese.de täglich sechs besucher mit einem fünfplus-minutenverbleib gehabt. für eine knorz-trockene kritisch-polemisch text-ausgerichtete seite nicht schlecht, finde ich. und nun zum wichtigen: magnus klaue hat im freitag.de 26 eine rezension zur plumpsklopoesie geschrieben, die es jetzt auf cd gibt (siehe ganz unten)::: Der deutschen Kulturpflege, wie sie sich in Goethe-Instituten, nationaler Filmförderung und der Forderung nach einer deutschen Pop-Quote im Rundfunk niederschlägt, ist gelungen, wovon Briten, Amerikaner und Franzosen sich vermutlich nicht einmal einen Begriff machen können: die negative Aufhebung des Gegensatzes von Hoch- und Populärkultur in einem Einheitsbrei, der von der Hochkultur das volkspädagogische Pathos und von der Massenkultur den Stolz auf die eigene Banalität übernommen hat. Während die oft als nationalistisch denunzierte Kulturförderung in Frankreich an einem republikanischen Begriff der Nation festhält, der es erlaubt, auch gelungene Unterhaltungskultur als Teil eines "nationalen Erbes" zu würdigen, das Jean-Luc Godard und Louis de Funès, Serge Gainsbourg und Jean-Paul Sartre gleichermaßen umfasst, wird hierzulande gute Unterhaltung ebenso gehasst wie hohe Kunst. Kontemplation und Lust sind dem Deutschen gleichermaßen Arbeit; wer genießen kann, ohne hinterher erschöpft zu sein, steht im Verdacht des Schmarotzertums.
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20.06.2008 16:10
warum der FREITAG zu lesen ist ...... hier freitag nr. 25, 20.6.2008 Ulrike Baureithel Abschied von Bismarck?KASSENSTREIT Sie war die erste Säule jener Sozialreformen, die Bismarck am 15. Juni 1883 vom Reichstag absegnen ließ, um das "Gespenst des Kommunismus" abzuwehren. Für maximal sechs Prozent Beitragssatz wurde den Arbeitern im Krankheitsfall ärztliche Leistung und Krankengeld garantiert. Mit der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verteilte der gewitzte Kanzler aber nicht nur soziale Risiken, sondern schuf auch das Fundament für die künftige "Zweiklassenmedizin", die Trennung von gesetzlicher und privater Krankenversorgung. Dieses Modell scheint nun, 125 Jahre später, endgültig ins Wanken zu kommen. [...] Georg Fülberth Es gärt unter der OberflächeZOFF ZWISCHEN CDU UND CSU Zoff zwischen CDU und CSU gab es immer mal wieder, am heftigsten in den Zeiten von Kohl und Strauß. Die bayerische Partei wollte sich auf Bundesebene stärker zur Geltung bringen, ja sogar in Führung gehen. Diesmal ist es anders: Beckstein und Huber bangen um ihre absolute Mehrheit bei den Landtagswahlen. In dieser Lage fordern sie Steuererleichterungen für die untere Mittelschicht und werden ausgelacht: Das sei nur Wahlkampf. Auch bei der Kanzlerin kommen sie schlecht an. Die Schärfe der Zurückweisung zeigt, wer in der Gesamt-Union zur Zeit das Sagen hat. Merkels Ablehnung entspricht ihren seit langem deutlich gezeigten marktradikalen Überzeugungen. Die sind auch in ihrer eigenen Partei, der CDU, nicht völlig unangefochten. Wenn Rüttgers sich zu Wort meldet, wird ihm zwar da und dort landespolitisches Taktieren nachgesagt. Aber den altsozialdemokratische Einfluss, auf den er reagiert, gibt es in Nordrhein-Westfalen eben noch. Otto Köhler Nein, dankeGASTKOMMENTAR Ich habe kein Konto bei der Commerzbank. Aber diese Bank hat an mich einen Appell erlassen, den Celler Appell. Militärisch gesehen ist ein Appell - laut Duden - ein "Antreten zur Überprüfung", die "Entgegennahme eines Befehls". So müssen wir den Celler Appell verstehen, denn die Commerzbank hat ihn zusammen mit dem Verteidigungsminister an uns alle erlassen. Seine Kurzfassung: Als rohstoffarmes, exportorientiertes Land ist Deutschland auf Stabilität und Sicherheit angewiesen. Darum brauchen wir Auslandseinsätze der Bundeswehr. [...] Mark Terkessidis Flaggen zeigenPARTYPATRIOTISMUS Über Lukas Podolskis mangelnden Torjubel gegen die polnische Nationalmannschaft ist viel gesprochen worden. Aber in dem Spiel gab es noch eine andere Szene, die durchaus der Rede wert ist. Als für Polen Roger Guerreiro kommen sollte, blendeten die Kameras ein, wie Trainer Leo Beenhakker dem Mittelfeldspieler noch ein paar taktische Anweisungen gab. Derweil grübelte der Kommentator, in welcher Sprache der aus den Niederlanden stammende Trainer wohl seine Erklärungen abgeben würde und mutmaßte: Spanisch. Guerreiro jedenfalls kann kein Polnisch, bloß Portugiesisch. Eine interessante Szene allemal: Der polnische Nationaltrainer, der Niederländer ist, gibt offenbar auf Spanisch Direktiven für einen ehemaligen Brasilianer, der unterdessen für Polen aufläuft. Erhard Schütz RandgängeRANDGÄNGE Genau, deswegen - genau deswegen liest man den Freitag.
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19.06.2008 20:31
Zum Kino von 68 Georg Seeßlen im FreitagGeorg Seeßlen 68 : 24, Ost-West-Wochenzeitung Freitag 25, 2008ÖFFNUNGEN Wie kinematografisch war die Revolte, und wie revolutionär war das Kino? Bescheidener Vorschlag, im Rückblick nicht nur politische Filme zu sehen, sondern Filme auch politisch zu sehen Das Jahr "68" - diese Chiffre, die einem schön langsam gehörig auf die Nerven zu gehen beginnt (oder anders gesagt: Der 68-Diskurs des Jahres 2008 sagt sehr viel mehr über das Jahr 2008 als über 68), steht unter vielem anderen für eine Bewegung der Öffnung zwischen dem gewöhnlichen Ort der Utopie, nämlich der Kunst, und dem gewöhnlichen Ort der Wirklichkeit, nämlich dem öffentlichen Raum. Zu allem Überfluss führt diese Öffnung auch über das Private und noch genauer durch das Subjekt, durch den Körper. Das "Scheitern" oder "Gelingen" bemisst sich daher nicht allein an der (mehr oder weniger "revolutionären") Umgestaltung in den einzelnen Bereichen (Umbau der Kunst, Umbau der Politik oder Umbau der bürgerlichen Familie), sondern auch an der Nachhaltigkeit der Öffnungen. Da sieht es schlecht aus. Ein Medium eben solcher Öffnungen ist das Kino, das freilich in seiner Totalität die Revolutionen innerhalb der einzelnen Segmente nur höchst unvollständig begleiten könnte. Die "Nützlichkeit" des Films für die Politik ist so fraglich wie es offenkundige Grenzen der Politisierung des Kinematografen gibt. Wenn das Kino allzu politisch wird, wird es ebenso falsch, wie die Politik falsch wird, die sich als cineastische Inszenierung missversteht. So war Jean-Luc Godards Forderung, statt "politische Filme" zu machen politisch Filme zu machen, zugleich Programm und Ausweg. Man hätte, in einer weniger poetischen Sprache, auch einfach davon sprechen können, die Beziehung zwischen Film und Politik dialektisch zu begreifen. Aber wir wollten ja "Aussagen", damals wie heute. Daher entsteht dieser merkwürdige Eindruck von Ungleichzeitigkeit: Die Revolution, so sieht es aus, hat gerade erst begonnen, und da phantasiert das zugehörige Kino schon das Scheitern. Der Bürger will gerade das Gaffen sein lassen und sich in die Züge der Revolte einreihen, da erzählt sein Kino schon von der Gefangenschaft im privaten Raum und der Unauflöslichkeit seiner sexuellen Ökonomie. Und gerade hat man sich in ein Weltbild des Historischen Materialismus eingearbeitet, da begegnet man in seinem Kino wieder Exzessen des Romantischen. Wenn man "68" als Bewegung der Öffnungen ansieht (eine Bewegung, die eben in die unterschiedlichsten Richtungen führt und deswegen ein schönes Durcheinander ergibt), dann gilt es, was das Kino anbelangt, zwei Vorgänge voneinander zu unterscheiden. Das erste ist eine neue Aneignung des Kinos und seiner Geschichte, das andere die Suche nach einem neuen Film. Es ging nicht nur darum, andere Filme zu sehen, sondern Filme anders zu sehen, sie durchscheinend zu machen, nicht nur für die politische Ökonomie, nicht nur für die Psychologie der Traumfabrik, nicht nur für Struktur und Zeichen, sondern auch für die konkrete Geste des "Autors". Das Kino war der erste Ort und vielleicht der letzte, in dem sich die Widersprüchlichkeit der Geschichte aushalten ließ. Und es war der Ort, an dem sich die Revolte in Zeit und Raum verwurzelte. Oder im Mythos, wie man es nimmt. Der Ort jedenfalls, an dem nicht nur Liebe und Verzweiflung, sondern auch Solidarität und Kritik verhandelt wurden. Und an dem sich ein Diskurs der Gewalt entzündete. Zu den wohl bedeutendsten Öffnungen gehörte die zu den Kinematografien der Nachbarn, die Entdeckung des Verlorenen und Verfemten in der Filmgeschichte und die Auflösung der strikten Trennungen zwischen High und Low: Das gesamte Feld der kinematografischen Erfahrung wurde zugleich weiter und umkämpfter. So ging die Befreiung zugleich mit einem neuen Vermessen einher, und einer der ersten und bedeutendsten Orte dieser Öffnung war die Cinémathèque Francaise in Paris, ein Treffpunkt in der Stadt und ein Pilgerort in Europa. Dass die "Affäre Langlois", die Proteste gegen die Abberufung des Gründers und Leiters, Henri Langlois, dann zu einem der Auslöser für die Praxis der Revolte wurde, erscheint da nur folgerichtig. Langlois, der während des Krieges heimliche Kinovorführungen organisiert hatte und dem es gelungen war, viele Filme vor dem barbarischen Zugriff der deutschen Besatzer zu retten, das war eine Person und Institution gewordene Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart. Unter den Leuten, die damals protestierten und tatsächlich den Widerruf seiner Absetzung erreichten, waren die Vertreter der Nouvelle Vague ebenso wie die "politisierten" Studenten, Künstler und Bürger. An diesem Schnittpunkt von Konservation und Aufruhr, Ästhetik und Politik, Geschichte und Gegenwart, Autorität und Anarchie, war vielleicht noch kein gemeinsames Ziel auszumachen. Aber neben einem gemeinsamen Freund und einem gemeinsamen Gegner war ein gemeinsames Empfinden zu spüren: Erfahrung und Bewusstsein. Wie kinematografisch dann die Revolution war, ist schwer zu sagen. So bedeutsam der Film und das Kino für die Generation der "68er" auch sein mochte, die verschiedenen Impulse nachträglich (und gar aus der Perspektive der RAF und ihrem "Leben wie im Kino") einer umfassenden Kinematografisierung zu unterziehen (eigentlich war ja alles nur ein großes, wildes Film-Happening!), gehört zu den Strategien der Verdrängung: Wenn man sich die 68er schon nicht zum wohlfeilen Prügelknaben machen kann, dann will man sie wenigstens im Ästhetischen auflösen. Tatsächlich hat ja nicht nur in der Politik, sondern auch im Kino ein umfassender Prozess der Restauration stattgefunden. Und das Thema "68 und der Film" wird eher symptomatisch und, nun ja, nostalgisch behandelt als in der Fortsetzung einer Dialektik von Kino und Politik. Das Kino der Jahre um 1968 kann man, was die Oberfläche anbelangt, mit wenigen Schlagworten beschreiben: Es gelangt in Bereiche der gesellschaftlichen Praxis, die ihm vorher verschlossen waren. Es bricht mit Abbildungscodes, nicht allein was den Körper und die Sexualität anbelangt. Es versucht, sich selbst, die Bedingungen seines Entstehens und seiner Wirkungen zu reflektieren. Es will - das und weniger das autonome "Genie" fordert den auteur - die ästhetisch-politische Entscheidung an die Stelle der Gewohnheit und der ästhetischen Regel setzen. Es überträgt Elemente der Verfremdung aus anderen Bereichen aufs Filmische. Es versteht sich in seiner Darstellung von Gesellschaft und Macht als parteiisch. Es sucht nach einer offenen Form beim Herstellen und beim Sehen. Es sucht nach neuen Produktionsmöglichkeiten und nach Orten jenseits des bürgerlichen Lichtspielhauses. Zur Schönheit eines Films gehört es, dass man ihm die Schwierigkeiten ansieht, die bei seiner Produktion überwunden werden mussten. Das Politische und die ästhetische Bildung verbinden sich mit dem, wovor uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Schmutz und Schund. Das Kino der 68er Jahre übernimmt Impulse aus der Rock-Musik; es entsteht aus der Spannung zwischen Marx und Coca Cola; es begreift den klassischen Plot als Gefängnis und den Song als direktere Form der Erzählung; es öffnet Beziehungen zwischen dem Vor-Geschriebenen und dem Improvisierten, zwischen dem Bereich des Professionellen und dem Dilettantischen (auch in einer einzigen Person). Es stellt mit seinen Mitteln die Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in Frage. Es begreift das Bresson´sche Off, den dunklen Raum, in den die Leinwand-Menschen jenseits der Handlung durch einen Akt der Gnade gelangen, als den Raum der Geschichte, in dem die Revolution nur stattfinden kann: Die Fortsetzung eines "guten" Films ist weder nur der nächste Film noch ein Empfinden der Lösung und Erlösung, die Fortsetzung eines guten Films wäre die politische Aktion. Für dieses Kino gibt es keine zu Ende erzählten Geschichten. Das Kino benennt reale Widersacher, reale Verbrechen und reale Verhältnisse, misstraut dagegen der Illusion realer Menschen auf der Leinwand. Das Kino der 68er möchte ein Publikum, das sich nicht im Traum, sondern in der Aktion vereint, es vermeidet Überwältigung (selbst dann, wenn es sich um "richtige" Aussagen handelt). Dieses Kino produziert und liebt ein theoretisches Umfeld, es nimmt gleichsam Elemente der Diskussion in sich auf. Es erprobt Gesten der Solidarität. Es glaubt an sich und in sich an das Neue. Natürlich lassen sich sehr viele Elemente dieses kinematografischen Aufbruchs ins Negative kehren: Dieses Kino hat schwer zu tragen unter der Bürde seiner Ansprüche. Es kehrt, in schlimmsten Fällen, in sich selbst, es liefert sich auf dem Umweg über den Dilettantismus der Prätention aus, es entwickelt eine merkwürdige Form der Melancholie und des Selbstmitleids, es stellt - bildhaft - leere Behauptungen auf, es experimentiert sich zu Tode, es verstärkt, statt des Utopischen, die Widersprüche, es sucht Halt in der Ideologie. Es öffnet sich dem Verrat und zugleich der manischen Angst vor dem Verrat. Mit der gleichen Radikalität, mit der es die Verbindungen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten öffnete, schließt es sie auch wieder: Das Kino wird wieder zum Innenraum. Aber auf eine neue Weise. Auf den Aufbruch der Kinder, die lange vor Marx und Coca Cola die Kinder ihrer Eltern waren, aus dem Innenraum in die Geschichte, folgte der Einbruch der Geschichte in den Innenraum der Familie. Man konnte diese Wendung als "Entpolitisierung" missverstehen. Paradoxerweise spukte von Anfang an die Vorstellung von "Heimat" in den Filmen, in den deutschen vor allem. Dass sich der Post-68-Film dann so angelegentlich um die Wiedergewinnung von Heimat kümmerte, in der Zeit, in der Topographie, im filmischen Subjekt wieder ein verlässliches (wenn auch durchaus tragisches) Zentrum ersehnte, dass man so drängend "wieder erzählen" wollte, ist nicht so sehr eine Reaktion auf das "Scheitern", wie es unser kulturhistorischer Mythos gerne will. All die Impulse des "68er-Kinos" sind ja nicht verschwunden, und es sind auch nicht alle als formale Spiele oder als integrierte Bausteine der Restauration von den Traumfabriken aufgefressen worden. Sie sind lebendig genug, nach einer Fortsetzung zu verlangen. Freilich, so wenig wie es "68" gibt, gibt es ein "68er-Kino"; die Vielfalt dessen, was in jenen Jahren jenseits der großen Traumfabriken oder immerhin an ihren Rändern geschah, lässt sich nicht als Methode übernehmen. Es ist das Prinzip der Öffnung selber, was uns abhanden gekommen ist, die Bereitschaft, den fiktiven Innenraum Kino aus einer reflexiven Erstarrung zu lösen und ihn von einem Flucht- wieder in einen Aufbruchsort zu verwandeln.
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16.06.2008 13:47
Erinnerungsort 68Georg Bollenbeck Lehrstück mit viel Publikum SCHILLERND 1968 ist ein umkämpfter Erinnerungsort. Deshalb wirken seine Erzählstoffe noch immer, Freitag 24, 2008 (leicht gekürzt) Soviel Medienhype war selten. Kein Tag ohne irgendeinen Beitrag zu 68. Der Blätterwald rauscht. Die Verlage bieten Analysen, Erinnerungen, Dokumentationen. Die Protestbewegung eignet sich wie kaum ein anderes Phänomen für eine multimediale Verwertung, weil sie die nötigen audiovisuellen Rohstoffe bereitstellt - vom Rockkonzert bis zu Straßenkämpfen, von pazifistischen Flower-Power-Nackten bis zu vermummten Gewaltbereiten, von Theoriedebatten voller Feinsinn bis zu Massendemonstrationen mit eingängigen Losungen. Che Guevara und Rudi Dutschke, Uschi Obermeier und Ulrike Meinhoff, die Morde der RAF und der "Aufstieg" vom Streetfigther zum Außenminister - der Protest präsentiert sich als Themenpark: Er lässt sich personalisieren und skandalisieren; man kann ihn als Bedrohungs- Rettungs- und Bekehrungsgeschichte erzählen. … Das Schlechtmachen des Protests ist eine entscheidende Voraussetzung für das Schönreden der Adenauer-Republik. In der Großerzählung von der erfolgreichen Modernisierung bildet das restaurative Gemisch von Altnazis und Neudemokraten, Kapital und Katholizismus, Vertriebenenorganisationen und Vorwärtsverteidigung bestenfalls eine Fußnote. Umso mehr Abscheu sollen die gewaltbereiten Studenten erregen. Sie werden (gerne beruft man sich dabei auf Habermas) in die Nähe eines "linken" Faschismus gerückt. Jüngst hat Götz Aly, ehedem ein achtbarer Historiker, dieses "Argument" aufgegriffen. Sein Vergleich von 1933 mit 1968 ist nichts mehr als eine schrille These mit großem Aufregungsfaktor. Er belebt das Deutungsgeschäft. … Hingegen ist der Protest aus Sicht derjenigen, die nicht gewillt sind, ihre Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft aufzugeben, gescheitert: Die Herrschaft des Kapitals wurde nicht gebrochen, die Konturen einer Klassengesellschaft sind deutlicher geworden, der Imperialismus überzieht wiederum rohstoffreiche Regionen mit Krieg, als zündende Losung mobilisiert der Sozialismus die Massen weniger denn je. … Um die Extreme zu benennen: auf der einen Seite der hedonistische Habitus der Konsum-Pioniere; kiffen, Flower-Power, Schlemmereien in Wohngemeinschaften, sexuelle Befreiung und mit der Ente mal rasch in die Provence. Auf der anderen Seite der Anspruch einer politischen Avantgarde; eine gewisse kulturprotestantische Strenge, Kadergehorsam, Arbeiterlieder, die kein Arbeiter mehr singt, bürgerliches Denken entlarven und ein besserwisserisches Sprücheklopfen. Gewiss, das ist eine holzschnittartige Gegenüberstellung. Der studentische Protest zeigt viele Gesichter. Er hat spezifisch deutsche Züge und er ist doch ein internationales Phänomen. Er verläuft in Berkely anders als in Berlin, in Paris anders als in Rom. Aber es gibt Gemeinsamkeiten: der Kampf gegen Autoritäten in Familie, Schule und Universität; ein jugendlicher Nonkonformismus, der die Verheißungen der Demokratie ernst nimmt, der die Ausbeutung der "Dritten Welt" attackiert und den der Protest gegen den Vietnamkrieg verbindet. Nun beginnt die Entidealisierung der USA. Deren Politik wird verworfen, aber nicht die kulturelle Westbindung. Als Antiamerikanismus lässt sich das nicht abbuchen. Gerade in Deutschland befestigt die Studentenbewegung die Akzeptanz einer amerikanisch geprägten consumer society: … ein Lesehunger, das Vertrauen in die Macht der Schrift und die Orientierung an intellektuellen Übervätern. Aber die heißen jetzt nicht mehr Jaspers oder Heidegger, auch nicht Camus oder Sartre, sondern vorrangig Marx, Engels und Freud. Schon vor der Raubdruckzeit interessieren sich viele für die Theorieangebote der Frankfurter Schule. Wenn es um die "Theorie des gegenwärtigen Zeitalters" geht, werden die Werke der Leipziger Umschüler Freyer, Gehlen und Schelsky rechts liegen gelassen. Umso wichtiger sind Adorno, Benjamin, Herbert Marcuse oder Georg Lukács für die Verbindung von Gesellschafts- und Kulturkritik. Wann beginnt und endet 68? Sicher, in diesem Jahr kulminieren langfristige Entwicklungen und dramatische Ereignisse: die Tet-Offensive des Vietcong, die Attentate auf Martin Luther King und Rudi Dutschke, die anschließenden Osterunruhen, der Pariser Mai und die Massenstreiks in Frankreich, der Einmarsch sowjetischer Truppen in die CŠSSR, Straßenschlachten in Chicago und Westberlin. Aber vieles, was wir mit der magischen Jahreszahl verbinden, findet vorher und nachher statt. Offenbar dient die Jahreszahl lediglich als Chiffre für eine kulturelle und politische Protestbewegung, die für ein Jahrzehnt fast kulturelle Hegemonie erringt. Auch die Tendenzwende hat kein Datum. Nahezu unmerklich geht in den frühen siebziger Jahren die Phase der mobilisierenden Integration vielfältiger Strömungen in die Phase der demobilisierenden Diffusion über. Aus dem attraktiven Miteinander wird ein abstoßendes Gegeneinander von Revisionisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten oder wieder mit der SPD liebäugelnden Sozialisten. Zunehmend spaltet die Organisations- und die Gewaltfrage die Neue Linke. Die Morde der RAF, das blutige Spiel "sechs gegen sechzig Millionen": Indem der Staat diese Feinderklärung annimmt und die akademischen und kulturellen Milieus mit dem Sympathisantenverdacht überzieht, verlangt er eine rituelle Distanzierung von jeglicher Gewalt. Viele können nun in die Nähe des Terrorismus gerückt werden. Abschreckend sollen zudem die Berufsverbote wirken. Damit steigen die Risiken zivilen Ungehorsams. Zugleich werden "Reintegrationsangebote" genutzt: parteipolitisches Engagement im linken der Flügel der SPD oder bei den Grünen; Aktivitäten in Friedens-, Antiatom-, Öko- und Stadtteilinitiativen; "Selbstverwirklichung" in einer bunt-kleinteiligen Alternativwirtschaft der Ökobauern, Bioläden und Umzugsklitschen. Also dann statt Universalkritik zunehmend Partialkritik, Häutungen der Kader zu kritischen Ökos, interventionsbereiten Menschenrechtlern, Neutralisierung in gepolsterten Milieus. Eine Generation dankt nicht dann ab, wenn ihre Antworten widerlegt, sondern diese als unwichtig erachtet werden" (Günther Anders). Wie wichtig 68 ist, belegen die Deutungskämpfe. Aber eine neue Studentenbewegung ist nicht in Sicht. Gewiss, die Zumutungen und Konflikte haben zugenommen. Aber sie werden heute durch Mitmach- und Einigkeitsdiskurse geschickter gemanagt. Für die Selbstverwirklichung soll der Markt zuständig sein. Die Autoritäten sind durch Sachzwänge ersetzt, die Übel der Welt werden moralisierend verarbeitet. Über die Fehler der 68er, über ihren Ableitungsmarxismus, ihre Wirklichkeitsverluste, ihre Gewalt- und Machtphantasien, will uns der Medienapparat belehren. Damit kann man deren Langzeitwirkung freilich nicht erklären. Wer heute die Welt politisch verändern will, tut dies in einer durch die "Vollzugsbeamten der Modernisierung" veränderten Welt. Und wer in diesen Folgen keinen Erfolg sieht und gar eine andere Welt will, der braucht das, was die Protestbewegung auszeichnete: den Reichtum der Vorstellungsmacht, den langen Atem einer theoriegeleiteten Gesellschaftskritik und eine phantasievolle Widerständigkeit. So gesehen kann 68 für eine sich re-formierende Linke als Lehrstück wirken, von dem man weiß, das - was es darstellt - Vergangenheit ist.
Prof. Georg Bollenbeck lehrt Germanistik und Kulturwissenschaften an der Universität Siegen.
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15.06.2008 22:24
zitat aus meinem lieblingsblogEs regnete. Jetzt war die Regenfront also doch auch in den Nordosten Deutschlands hochgekrochen, es war der erste Regentag hier in Berlin seit vielen Wochen, nachdem immerzu nur schönes Wetter gewesen war, Sommer ohne Ende, der trockenste Mai seit 100 Jahren, der sommerlichste Juni bis heute, dauernd Sonne, manchmal Wolken, tagsüber warm, abends leicht angeheizt, morgens frische Luft und immer schön. ach, seit anfang der 80er, seit 83, lese ich ihn am gernsten ... und alles rund um ihn herum ...
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10.06.2008 13:39
HeimatkundeAuf SpiegelSPAM liefen in den letzten Monaten die kurzen Stücke seiner Heimatkunde, ein satirischer Dokumentarfilm rund um die Hauptstadt der DDR. Jetzt ist eine schöne Erläuterung dazu zu lesen:
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09.06.2008 18:53
das spiel lesen ...em 08: fragen aus der tiefe des geschichtlichen raumes ... wer las eigentlich zuerst ein spiel, herberger, netzer, bulle roth oder schwarzenbeck? können spieler von heute - gomez, lehmann, podolski - noch lesen? ein spiel gar? was sagt die fußballforschung, was schreibt martin krauß oder j. roth oder gar andreas g. von den wn? --- ich weiß es nicht, ich gucke, im garten, den färnseh rausgestellt, und lese wg. kabellosem LAN in den internetzeitungen: trierischer volksfreund, schwäbisches tagblatt, holsteiner dreisprung. abenteuer fußball, und auch noch aus austria und der schweiz - wo ich beim abbau des wankdorfstadions 2001 live dabei war. ich drücke die daumen der sowjetunion, dem europameister meines jahrgangs.
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