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die lese des lektors

     
16.06.2008 13:47

Erinnerungsort 68

Georg Bollenbeck

Lehrstück mit viel Publikum

SCHILLERND 1968 ist ein umkämpfter Erinnerungsort. Deshalb wirken seine Erzählstoffe noch immer, Freitag 24, 2008 (leicht gekürzt)

Soviel Medienhype war selten. Kein Tag ohne irgendeinen Beitrag zu 68. Der Blätterwald rauscht. Die Verlage bieten Analysen, Erinnerungen, Dokumentationen. Die Protestbewegung eignet sich wie kaum ein anderes Phänomen für eine multimediale Verwertung, weil sie die nötigen audiovisuellen Rohstoffe bereitstellt - vom Rockkonzert bis zu Straßenkämpfen, von pazifistischen Flower-Power-Nackten bis zu vermummten Gewaltbereiten, von Theoriedebatten voller Feinsinn bis zu Massendemonstrationen mit eingängigen Losungen. Che Guevara und Rudi Dutschke, Uschi Obermeier und Ulrike Meinhoff, die Morde der RAF und der "Aufstieg" vom Streetfigther zum Außenminister - der Protest präsentiert sich als Themenpark: Er lässt sich personalisieren und skandalisieren; man kann ihn als Bedrohungs- Rettungs- und Bekehrungsgeschichte erzählen.

Das Schlechtmachen des Protests ist eine entscheidende Voraussetzung für das Schönreden der Adenauer-Republik. In der Großerzählung von der erfolgreichen Modernisierung bildet das restaurative Gemisch von Altnazis und Neudemokraten, Kapital und Katholizismus, Vertriebenenorganisationen und Vorwärtsverteidigung bestenfalls eine Fußnote. Umso mehr Abscheu sollen die gewaltbereiten Studenten erregen. Sie werden (gerne beruft man sich dabei auf Habermas) in die Nähe eines "linken" Faschismus gerückt. Jüngst hat Götz Aly, ehedem ein achtbarer Historiker, dieses "Argument" aufgegriffen. Sein Vergleich von 1933 mit 1968 ist nichts mehr als eine schrille These mit großem Aufregungsfaktor. Er belebt das Deutungsgeschäft.

Hingegen ist der Protest aus Sicht derjenigen, die nicht gewillt sind, ihre Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft aufzugeben, gescheitert: Die Herrschaft des Kapitals wurde nicht gebrochen, die Konturen einer Klassengesellschaft sind deutlicher geworden, der Imperialismus überzieht wiederum rohstoffreiche Regionen mit Krieg, als zündende Losung mobilisiert der Sozialismus die Massen weniger denn je.

Um die Extreme zu benennen: auf der einen Seite der hedonistische Habitus der Konsum-Pioniere; kiffen, Flower-Power, Schlemmereien in Wohngemeinschaften, sexuelle Befreiung und mit der Ente mal rasch in die Provence. Auf der anderen Seite der Anspruch einer politischen Avantgarde; eine gewisse kulturprotestantische Strenge, Kadergehorsam, Arbeiterlieder, die kein Arbeiter mehr singt, bürgerliches Denken entlarven und ein besserwisserisches Sprücheklopfen. Gewiss, das ist eine holzschnittartige Gegenüberstellung. Der studentische Protest zeigt viele Gesichter. Er hat spezifisch deutsche Züge und er ist doch ein internationales Phänomen. Er verläuft in Berkely anders als in Berlin, in Paris anders als in Rom. Aber es gibt Gemeinsamkeiten: der Kampf gegen Autoritäten in Familie, Schule und Universität; ein jugendlicher Nonkonformismus, der die Verheißungen der Demokratie ernst nimmt, der die Ausbeutung der "Dritten Welt" attackiert und den der Protest gegen den Vietnamkrieg verbindet. Nun beginnt die Entidealisierung der USA. Deren Politik wird verworfen, aber nicht die kulturelle Westbindung. Als Antiamerikanismus lässt sich das nicht abbuchen. Gerade in Deutschland befestigt die Studentenbewegung die Akzeptanz einer amerikanisch geprägten consumer society:

ein Lesehunger, das Vertrauen in die Macht der Schrift und die Orientierung an intellektuellen Übervätern. Aber die heißen jetzt nicht mehr Jaspers oder Heidegger, auch nicht Camus oder Sartre, sondern vorrangig Marx, Engels und Freud. Schon vor der Raubdruckzeit interessieren sich viele für die Theorieangebote der Frankfurter Schule. Wenn es um die "Theorie des gegenwärtigen Zeitalters" geht, werden die Werke der Leipziger Umschüler Freyer, Gehlen und Schelsky rechts liegen gelassen. Umso wichtiger sind Adorno, Benjamin, Herbert Marcuse oder Georg Lukács für die Verbindung von Gesellschafts- und Kulturkritik.

Warum gerade diese "Generationseinheit" eine theoriegeleitete Kritikbereitschaft und unbekümmerte Widerständigkeit entwickelt, mag auf den ersten Blick überraschen. … Der SDS, seit 1961 durch einen Unvereinbarkeitsbeschluss von der SPD getrennt, entwickelt ein neues theoretisches Selbstverständnis, das den programmatischen Kern für die studentische Neue Linke bildet. "Unsere Theorie sollte", so Elisabeth Lenk in ihrem Referat auf der Delegiertenkonferenz des SDS 1962, "einem Scheinwerfergerät gleichen, dessen Licht stark genug ist, ein Stück des Weges in die Zukunft zu erhellen, das aber zugleich, auf die gegenwärtige Gesellschaft gerichtet, grell ihre Risse, Sprünge, jahrhundertealten Staub, ... beleuchtet". Auch die 68er wollen, wie schon zuvor die Anti-Atomtodbewegung und die Ostermarschierer, das Zeitalter der Weltkriege überwinden. Auch sie wollen, wie zuvor schon die Studierenden während der Spiegeläffäre (1962), demokratische Rechte verteidigen. Und auch sie wollen das, was mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961/62) und mit dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt (1964/65) begann, fortführen. Sie wenden sich gegen ihre Väter, die nun als Biedermänner erscheinen und ehedem Brandstifter gewesen sein sollen. Indem ihre Kritikbereitschaft all dies aufgreift, bündelt und zuspitzt, was schon zuvor kritisiert wurde, entsteht etwas Neues.

Wann beginnt und endet 68? Sicher, in diesem Jahr kulminieren langfristige Entwicklungen und dramatische Ereignisse: die Tet-Offensive des Vietcong, die Attentate auf Martin Luther King und Rudi Dutschke, die anschließenden Osterunruhen, der Pariser Mai und die Massenstreiks in Frankreich, der Einmarsch sowjetischer Truppen in die CŠSSR, Straßenschlachten in Chicago und Westberlin. Aber vieles, was wir mit der magischen Jahreszahl verbinden, findet vorher und nachher statt. Offenbar dient die Jahreszahl lediglich als Chiffre für eine kulturelle und politische Protestbewegung, die für ein Jahrzehnt fast kulturelle Hegemonie erringt.

Auch die Tendenzwende hat kein Datum. Nahezu unmerklich geht in den frühen siebziger Jahren die Phase der mobilisierenden Integration vielfältiger Strömungen in die Phase der demobilisierenden Diffusion über. Aus dem attraktiven Miteinander wird ein abstoßendes Gegeneinander von Revisionisten, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten oder wieder mit der SPD liebäugelnden Sozialisten. Zunehmend spaltet die Organisations- und die Gewaltfrage die Neue Linke. Die Morde der RAF, das blutige Spiel "sechs gegen sechzig Millionen": Indem der Staat diese Feinderklärung annimmt und die akademischen und kulturellen Milieus mit dem Sympathisantenverdacht überzieht, verlangt er eine rituelle Distanzierung von jeglicher Gewalt. Viele können nun in die Nähe des Terrorismus gerückt werden. Abschreckend sollen zudem die Berufsverbote wirken. Damit steigen die Risiken zivilen Ungehorsams. Zugleich werden "Reintegrationsangebote" genutzt: parteipolitisches Engagement im linken der Flügel der SPD oder bei den Grünen; Aktivitäten in Friedens-, Antiatom-, Öko- und Stadtteilinitiativen; "Selbstverwirklichung" in einer bunt-kleinteiligen Alternativwirtschaft der Ökobauern, Bioläden und Umzugsklitschen. Also dann statt Universalkritik zunehmend Partialkritik, Häutungen der Kader zu kritischen Ökos, interventionsbereiten Menschenrechtlern, Neutralisierung in gepolsterten Milieus.

Eine Generation dankt nicht dann ab, wenn ihre Antworten widerlegt, sondern diese als unwichtig erachtet werden" (Günther Anders). Wie wichtig 68 ist, belegen die Deutungskämpfe. Aber eine neue Studentenbewegung ist nicht in Sicht. Gewiss, die Zumutungen und Konflikte haben zugenommen. Aber sie werden heute durch Mitmach- und Einigkeitsdiskurse geschickter gemanagt. Für die Selbstverwirklichung soll der Markt zuständig sein. Die Autoritäten sind durch Sachzwänge ersetzt, die Übel der Welt werden moralisierend verarbeitet.

Über die Fehler der 68er, über ihren Ableitungsmarxismus, ihre Wirklichkeitsverluste, ihre Gewalt- und Machtphantasien, will uns der Medienapparat belehren. Damit kann man deren Langzeitwirkung freilich nicht erklären. Wer heute die Welt politisch verändern will, tut dies in einer durch die "Vollzugsbeamten der Modernisierung" veränderten Welt. Und wer in diesen Folgen keinen Erfolg sieht und gar eine andere Welt will, der braucht das, was die Protestbewegung auszeichnete: den Reichtum der Vorstellungsmacht, den langen Atem einer theoriegeleiteten Gesellschaftskritik und eine phantasievolle Widerständigkeit. So gesehen kann 68 für eine sich re-formierende Linke als Lehrstück wirken, von dem man weiß, das - was es darstellt - Vergangenheit ist.

 

Prof. Georg Bollenbeck lehrt Germanistik und Kulturwissenschaften an der Universität Siegen.

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