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die lese des lektors

     
02.07.2008 21:08

Klage, Furt, Inge, Mann, Bach

Ingo Arend, Freitag 27

Zuhören im Internet: Der ORF will aus dem Klagenfurter Literatur-Wettbewerb eine Talkshow machen

... Schwer zu sagen, ob Tilman Rammstedts Siegergeschichte Der Kaiser von China wirklich ein guter Text war oder nicht. Zumindest hörte sich der Vortrag des gut gelaunten Autors recht lustig an.
Wenn der Literatur eine Gefahr aus Klagenfurt droht, dann nicht vom Bildschirm oder aus der Steckdose. Sondern von dem Virus, der sich "Telepräsenz" nennt. Dass der Wettbewerb um einen Tag gekürzt wurde, mochte noch als Straffung durchgehen. Wohin die Formatierungsreise aber gehen soll, schwante einem, als der neue Moderator zum ersten Mal "Kommen Sie doch zu uns" rief. Genau vierzehn Mal eilte Dieter Moor beflissen auf die am Rande platzierten Autoren zu, um sie unter kellnerartigem Dienern in die Kritikerrunde zu kommodieren. Der "Bewerb" soll das hartnäckig an ihm haftende Image los werden, hier stünden Texte vor Gericht und die Staatsanwälte der Kritik plädierten für die die Guillotine. Deshalb musste die öffentliche Verfertigung eines Urteils einer pseudolockeren Coffee-Table-Book-Plauderei weichen, der ein Ehrengast beiwohnt. Wenn der Bachmann-Wettbewerb je der "Dinosaurier unter den Fernsehformaten" war, zu dem ihn der Schriftsteller und Jurychef Burkhard Spinnen promovierte, dann hat ihn diese "Reform" zum Stallhasen der Fernsehunterhaltung gemacht. Zu Diensten war eine überaus gefällige Jury, deren sieben müde Mitglieder jede hermeneutische Spur der Texte bis in die letzte Verästelung verfolgten, Bewertungen aber mieden wie der Teufel das Weihwasser.
Schlimm genug, dass es dem ORF nichts ausmacht, die literarische Öffentlichkeit um das zu entkernen, was sie eigentlich ausmacht. Aber wenn schon deren Hüter bei der lächelnden Liquidation des ästhetischen Urteils mitmachen, sollten sie sich nicht beklagen, wenn es irgendwann gar keine "Streitkultur" mehr gibt. "Mehr möchte ich jetzt erst mal nicht sagen", passte Burkhard Spinnen, nachdem er lang und breit nacherzählt hatte, was im Text des Schweizer Autors Pedro Lenz stand, und die Kritikerin Ursula März sekundierte mit den Worten: "Ich will mich nicht auf ein Urteil festlegen." Spätestens da hätte man am liebsten den Laptop zugeklappt.

JE NUN, ingo arend hat natürlich komplett recht, und am samstag hatte ich das ganze im fernseh gesehen, und mein alter münsteraner kollege von der gegenseite des germanistischen seminars saß der jury vor. ich dozierte dann meinem sohn, der burkhard (spinnen) mache literatur ohne jedes literarische kunstmotiv. hä? fragte mein sohn. na, sagte ich, er baut sozusagen ein auto ohne motor, dann ein auto ohne räder, dann eins ohne lenkung, aber alle seien sehr schön anzusehen. aha, sagte mein sohn, so ein quatsch. und mein sohn ist immerhin zwölfjähriger gymnasiast mit topzeugnis. - mir fiel dann noch ein: ein teich ohne wasser, aber das führte hier zu weit.

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